Bifaziale Module: Wie viel Mehrertrag realistisch übrig bleibt

☀️ DE | PV - Check·4 Min. Lesezeit

„Bis zu 30 Prozent mehr Ertrag" steht in manchem Prospekt. Auf einem normalen Schrägdach in Deutschland kommt davon oft fast nichts an. Bifaziale Module sind keine Werbelüge, sie sind eine Technologie mit klaren Einsatzbedingungen. Wer diese Bedingungen erfüllt, bekommt echten Mehrertrag. Wer sie nicht erfüllt, zahlt einen Aufpreis für eine Rückseite, die nie Licht sieht.

Die kurze Antwort

Bifaziale Module erzeugen auch über ihre Rückseite Strom, wenn dort Licht hinkommt. Der realistische Mehrertrag liegt je nach Montage und Untergrund bei etwa 3 bis 15 Prozent. Die hohen Werte erreichen nur aufgeständerte Anlagen mit hellem Untergrund und viel Abstand zur Fläche, etwa auf Flachdächern, Carports oder Freiflächen. Bei dachparalleler Montage auf einem Schrägdach bleibt praktisch kein Mehrertrag übrig, weil die Rückseite direkt über den Ziegeln liegt. Der Aufpreis lohnt sich also nicht generell, sondern situationsabhängig.

Wie bifaziale Module funktionieren

Statt einer lichtundurchlässigen Rückseitenfolie haben bifaziale Module eine zweite Glasscheibe und Zellen, die auch rückseitig Licht in Strom umwandeln. Genutzt wird dabei die Albedo, also das vom Untergrund reflektierte Licht. Der sogenannte Bifazialitätsfaktor gibt an, wie viel Leistung die Rückseite im Verhältnis zur Vorderseite liefert, typisch sind 70 bis 85 Prozent. Das ist aber nur die Obergrenze der Zellleistung. Entscheidend ist, wie viel Licht die Rückseite überhaupt erreicht.

Weil bifaziale Module fast immer in Glas-Glas-Bauweise gefertigt werden, bringen sie deren Vorteile mit: längere Garantien, geringere Degradation, höhere mechanische Belastbarkeit. Details dazu im Beitrag Glas-Glas-Module.

Die drei Faktoren für echten Mehrertrag

  1. Abstand zum Untergrund: Je größer der Abstand, desto mehr diffuses Licht erreicht die Rückseite. Aufgeständerte Systeme mit 30 Zentimetern und mehr Bodenfreiheit profitieren deutlich, eine flach auf Ziegeln liegende Anlage kaum.
  2. Reflexionsgrad des Untergrunds: Heller Kies, weiße Dachbahn oder eine helle Betonfläche reflektieren viel Licht. Dunkle Bitumenbahnen, dunkle Ziegel oder Rasen reflektieren wenig.
  3. Ausrichtung und Verschattung der Rückseite: Unterkonstruktion, Kabelkanäle und enge Reihenabstände verschatten die Rückseite und fressen den Vorteil auf.

Daraus ergibt sich die realistische Bandbreite: rund 3 bis 6 Prozent bei moderat aufgeständerten Systemen auf dunklem Untergrund, 10 bis 15 Prozent bei guter Aufständerung über hellen Flächen, in Sonderfällen wie Ost-West-Aufständerung über weißer Folie auch etwas mehr.

Wo sich bifaziale Module lohnen

  • Flachdach mit Aufständerung: Der klassische Anwendungsfall. Besonders wenn die Dachbahn hell ist oder heller Kies aufgebracht wird.
  • PV-Carport und Terrassenüberdachung: Freistehende Konstruktionen mit viel Bodenfreiheit, oft über hellem Pflaster. Mehr dazu im Beitrag PV-Carport.
  • Zaun- und Fassadenanlagen: Senkrechte Ost-West-Aufstellung nutzt beide Seiten fast gleichwertig und liefert ein flacheres Ertragsprofil über den Tag.
  • Freiflächen und Garagenkonstruktionen mit hellem Untergrund.

Wo sie sich kaum lohnen

  • Dachparallele Aufdachmontage auf dem Schrägdach: Der Standardfall in Deutschland. Der Luftspalt beträgt meist nur 8 bis 15 Zentimeter, der Ziegel darunter ist dunkel. Realistisch bleiben oft nur 1 bis 3 Prozent, teils weniger als der Aufpreis rechtfertigt.
  • Indach-Systeme und PV-Dachziegel: Hier ist die Rückseite baulich geschlossen, bifazial ergibt keinen Sinn. Siehe dazu PV-Dachziegel.
  • Stark verschattete Dächer: Wenn schon die Vorderseite kämpft, hilft die Rückseite nicht weiter.

Marketing gegen Realität

Zwei Dinge sollten Sie im Verkaufsgespräch trennen:

Der Bifazialitätsfaktor (etwa 80 Prozent) beschreibt die Zelleigenschaft, nicht Ihren Mehrertrag. Wer diese Zahl als Ertragsversprechen präsentiert, arbeitet mit einer Verwechslung.

Der Nennleistungstrick: Manche Datenblätter geben eine erhöhte Nennleistung an, die eine bestimmte Rückseiteneinstrahlung voraussetzt. Für den Vergleich zählt die Leistung der Vorderseite unter Standardtestbedingungen. Achten Sie darauf, dass Angebote auf dieser Basis kalkuliert sind, sonst vergleichen Sie Äpfel mit Birnen. Wie Sie ein Angebot systematisch prüfen, zeigt unsere Checkliste Photovoltaik-Angebot prüfen.

Und ein praktischer Hinweis zur Auslegung: Bei erhöhtem Rückseitenertrag muss der Wechselrichter dazu passen, sonst regelt er Spitzen ab. Die Grundlagen dazu stehen im Beitrag Wechselrichter erklärt.

So entscheiden Sie richtig

Fragen Sie den Fachbetrieb konkret: Wie hoch ist der kalkulierte Mehrertrag für meine Montageart und meinen Untergrund, in Kilowattstunden pro Jahr, nicht in Prozent aus dem Prospekt? Stellen Sie diesem Wert den Aufpreis gegenüber. Bei einem Schrägdach ist die Antwort meistens: Nehmen Sie Glas-Glas wegen der Garantie und Haltbarkeit, aber bezahlen Sie keinen Bifazial-Aufschlag für einen Effekt, der nicht eintritt. Bei Flachdach oder Carport kann die Rechnung dagegen klar aufgehen. Wo bifaziale Module in die Gesamtkosten einer Anlage passen, sehen Sie unter Photovoltaikanlage-Kosten. Einen Überblick über alle Modultypen gibt der PV-Module-Vergleich.


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