Autarkiegrad bei Photovoltaik: Was realistisch ist und was Verkäufer versprechen

☀️ DE | PV - Check·4 Min. Lesezeit

„Machen Sie sich unabhängig vom Stromversorger" steht auf jedem zweiten PV-Flyer. Der Autarkiegrad ist der Wert, an dem sich dieses Versprechen messen lässt, und genau deshalb wird er so gern geschönt. Wer die Kennzahl versteht, erkennt sofort, ob ein Angebot ehrlich gerechnet ist oder ob hier ein überdimensionierter Speicher verkauft werden soll.

Die kurze Antwort

Der Autarkiegrad sagt, welchen Anteil Ihres Stromverbrauchs Sie selbst decken. Ohne Speicher liegt er bei einem normalen Einfamilienhaus meist bei 25 bis 35 Prozent, mit passend dimensioniertem Speicher bei 60 bis 80 Prozent. Er wird häufig mit der Eigenverbrauchsquote verwechselt, die etwas völlig anderes misst. 100 Prozent Autarkie sind technisch möglich, aber wirtschaftlich unsinnig, weil die letzten Prozentpunkte den Winter abdecken müssten und dafür ein Vielfaches an Anlagen- und Speicherkapazität nötig wäre.

Autarkiegrad und Eigenverbrauchsquote: der ständig verwechselte Unterschied

Beide Kennzahlen klingen ähnlich, beantworten aber gegensätzliche Fragen:

  • Autarkiegrad: Wie viel von meinem Verbrauch decke ich selbst? Rechnung: selbst genutzter PV-Strom geteilt durch Gesamtverbrauch.
  • Eigenverbrauchsquote: Wie viel von meiner Erzeugung nutze ich selbst? Rechnung: selbst genutzter PV-Strom geteilt durch Gesamterzeugung.

Ein Beispiel macht den Unterschied klar. Ihre Anlage erzeugt 9.000 kWh im Jahr, Ihr Haushalt verbraucht 4.500 kWh, davon 1.400 kWh direkt aus der Anlage. Der Autarkiegrad beträgt dann 31 Prozent (1.400 von 4.500), die Eigenverbrauchsquote nur 16 Prozent (1.400 von 9.000). Beide Zahlen beschreiben dieselbe Anlage, klingen aber völlig unterschiedlich.

Achten Sie deshalb in Angeboten genau darauf, welcher Wert genannt wird. Ein großes Dach senkt automatisch die Eigenverbrauchsquote und hebt den Autarkiegrad. Wer nur eine der beiden Zahlen zeigt, kann jede Anlage gut aussehen lassen. Wie Sie den Eigenverbrauch tatsächlich steigern, steht im Beitrag Eigenverbrauch erhöhen.

Realistische Werte für ein Einfamilienhaus

Aus Auswertungen echter Anlagen ergeben sich diese Größenordnungen:

Konstellation Typischer Autarkiegrad
PV-Anlage ohne Speicher 25 bis 35 Prozent
PV-Anlage mit passendem Speicher 60 bis 70 Prozent
PV plus Speicher plus Energiemanagement bis etwa 80 Prozent
PV plus Wärmepumpe ohne Speicher rund 45 Prozent des Gesamtbedarfs

Der Sprung von 30 auf 60 bis 70 Prozent durch den Speicher ist der größte Hebel, den es gibt. Danach wird es zäh: Für die nächsten zehn Prozentpunkte brauchen Sie deutlich mehr Kapazität, intelligente Steuerung und Verbrauchsdisziplin.

Wichtig ist außerdem der Jahresverlauf. Im Mai und Juni sind viele Haushalte an den meisten Tagen zu 100 Prozent autark. Im Dezember liegt der Wert oft unter 10 Prozent, weil die Erzeugung auf ein Fünftel bis ein Zehntel des Sommerwerts fällt. Der Jahreswert von 70 Prozent ist also ein Mittelwert aus autarken Sommermonaten und netzabhängigen Wintermonaten.

Warum 100 Prozent Autarkie ein teurer Mythos ist

Rechnen wir es durch. Um im Dezember und Januar ohne Netzstrom auszukommen, bräuchten Sie entweder eine PV-Anlage, die auch bei bedecktem Himmel den Tagesbedarf deckt, oder einen Speicher, der Sommerstrom in den Winter trägt. Das erste bedeutet eine drei- bis vierfach größere Anlage, für die kaum ein Dach reicht. Das zweite bedeutet einen Saisonspeicher mit mehreren hundert Kilowattstunden. Bei 400 bis 700 Euro je nutzbarer Kilowattstunde landen Sie schnell im sechsstelligen Bereich, für eine Ersparnis von vielleicht 300 Euro Netzstrom pro Jahr.

Deshalb gehört das Versprechen „100 Prozent Unabhängigkeit garantiert" zu den klassischen Warnsignalen im PV-Vertrieb. Seriöse Fachbetriebe nennen Ihnen eine Spanne und erklären, worauf sie beruht.

Der sinnvolle Zielwert liegt bei 60 bis 80 Prozent

Wirtschaftlich optimal ist der Bereich, in dem jede investierte Kilowattstunde Speicher noch spürbar Netzstrom ersetzt. Das ist bei einem Autarkiegrad von etwa 60 bis 70 Prozent der Fall, bei sehr gutem Lastmanagement bis 80 Prozent. Dafür brauchen Sie:

  1. Eine ausreichend große PV-Anlage, für ein Einfamilienhaus typischerweise 8 bis 10 kWp.
  2. Einen Speicher nach der Faustformel etwa 1 kWh je 1.000 kWh Jahresverbrauch, Details im Beitrag Stromspeicher-Größe berechnen.
  3. Große Verbraucher, die tagsüber laufen: Waschmaschine, Spülmaschine, Wärmepumpe, Wallbox.

Wie sich das auf die Investitionssumme auswirkt, zeigt die Übersicht auf unserer Seite Photovoltaikanlage: Kosten.

Autarkiegrad ist nicht dasselbe wie Wirtschaftlichkeit

Ein häufiger Denkfehler: Ein höherer Autarkiegrad bedeutet nicht automatisch mehr Rendite. Ab einem gewissen Punkt kaufen Sie Unabhängigkeit teurer ein, als Netzstrom kostet. Wenn eine zusätzliche Kilowattstunde Speicher über die Lebensdauer 25 Cent kostet, aber nur 30 Cent Netzstrom ersetzt und dabei nur an 150 Tagen im Jahr arbeitet, rechnet sich das nicht mehr.

Autarkie hat allerdings auch einen Wert, der nicht auf dem Taschenrechner steht: Planbarkeit gegenüber Strompreissprüngen. Wer diesen Wert höher gewichtet, darf bewusst etwas über das rein wirtschaftliche Optimum hinausgehen. Nur sollte das eine bewusste Entscheidung sein und nicht das Ergebnis eines Verkaufsgesprächs.

Was Sie im Angebot prüfen sollten

  • Wird der Autarkiegrad oder die Eigenverbrauchsquote genannt? Beide Werte einfordern.
  • Auf welchen Jahresverbrauch bezieht sich die Rechnung? Er muss zu Ihrer Stromrechnung passen.
  • Sind Wärmepumpe oder E-Auto eingerechnet? Diese senken den Autarkiegrad, wenn die Anlage nicht mitwächst.
  • Werden über 85 Prozent versprochen? Dann nach der Rechengrundlage fragen.

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